Entstehung der gemischten Chöre
(aus Damen und Herren)

Carl Friedrich Fasch (1736 - 1800; Bild rechts), der Gründer der Berliner Singakademie, des ersten gemischten Chores, war Cembalist am Hofe Friedrich des Großen. Nach dem Bayrischen Erbfolgekrieg 1778 „legte der König die Musik fast gänzlich zur Seite“. So hatte Fasch, der weiterhin bei Friedrich II. angestellt war, nicht mehr so viel zu tun und widmete sich mannigfaltiger Studien – Medizin, Chemie, Architektur, Mathematik, Zeichnen, Sprachen. Er erfand ein neues Kartenspiel „Grand Patience“, schreibt kunstvolle Kanons, den kompliziertesten 5-fachen zu 25 Stimmen.

In dieser Zeit besinnt er sich auf seine frühe Liebe zur Kirchenmusik. Johann Friedrich Reichardt, der damalige Kapellmeister am Hofe Friedrich des Großen, bringt 1775 aus Italien eine 16-stimmigen Messe des römischen, frühbarocken Komponisten Orazio Benevoli (1605 - 1772) mit, die Fasch sehr faszinierte. Fasch komponierte dann selbst die 16-stimmigen Messe Laudamus, er wollte „ wo möglich ein Werk hinterlassen, woraus vielleicht einmal wieder nach 170 Jahren irgend ein Kenner sehen möge, dass es um diese Zeit noch einen deutschen Harmonisten gegeben, der sich an den 16-stimmigen Satz gewagt und ihn bestanden habe“. Er versucht die 16-stimmige Messe mit den Schulchören und den Hofsängern einzustudieren, die aber scheiterten. So versucht er aus seinem Schülerkreis selbst einen Chor zusammenzustellen. In dem Gartenhäuschen seiner Schülerin Charlotte Dietrich, der Stieftochter des Geheimrats Mirow, in der Nähe des Spittelmarktes zu Berlin, traf er sich seit 1790 mit weiteren Schülern und deren Freunden zur Freude am mehrstimmigen Gesang. Es waren 3 Soprane, drei Alt, ein Tenor und zwei Bässe. Darunter waren die Sängerin Madame Bachmann und Julie Pappritz, die spätere zweite Frau von Carl Friedrich Zelter, dem Nachfolger von Fasch in der Leitung der Berliner Singakademie.

Im Frühjahr 1791, am 24.Mai, begann Fasch die regelmäßige Singe-Übung jeden Dienstag in dem etwas besseren Raum, bei der Frau „Generalchirurgus“ Voitus, der Schwester von Madame Pappritz, dann schon mit 22 Stimmen. Fasch war aber noch nicht zufrieden mit der 16-stimmigen Messe, und komponierte darum den 8-stimmigen 51.Psalm – "Miserere mei", den er dann im September in der Marienkirche erstmalig aufführte. Diese Aufführung fand eine sehr große Beachtung, weil sie die erste Aufführung mit gemischten Singstimmen in Deutschland war. Ein völlig neuer, unbekannter Chorklang aus Männer- und Frauenstimmen.Der 24.Mai 1791 gilt als Gründungstag der Berliner Singakademie und damit der gemischten Chöre überhaupt.

Richard Praetorius
Quelle: Festschrift zum 200. Jahrestag der Berliner Singakademie.